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Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten

Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten (LKG) sind die häufigsten angeborenen Fehlbildungen des Gesichtsbereichs und in Europa die zweithäufigste angeborene Fehlbildung. Sie können entweder isoliert oder im Rahmen syndromaler, genetischer Vorerkrankungen auftreten und betreffen entweder ein- oder beidseitig Lippen und Kiefer, isoliert die Lippe oder den Gaumen oder durchgehend den kompletten Lippen-, Kiefer- und Gaumenbereich. Im Durchschnitt tritt bei genetisch unvorbelasteten Eltern in Europa auf ca. 500 Geburten eine LKG-Spalte unterschiedlicher Ausprägung auf, bei genetisch vorbelasteten Verwandten korreliert die Spaltinzidenz der Nachkommen mit dem genetischen Verwandtschaftsgrad. Im Falle betroffener Verwandter kann das Risiko des Wiederauftretens einer LKG-Spalte um das 20-fache erhöht sein, während dieses Risiko sogar bei mehreren Verwandten, die Spaltträger sind, für Nachkommen auf 13–14 % ansteigen kann.

Je nach Ausmaß führen sie zu Problemen bei der Lautbildung, Nahrungsaufnahme, Nasenatmung und Ästhetik und können die regelrechte Entwicklung des Kindes stören.
Die Therapie erfolgt interdisziplinär in einem Team aus verschiedenen medizinischen und zahnmedizinischen Disziplinen, die in einer Art Zentrum vereinigt sind. Etappenweise angepasst an die dem Entwicklungszeitpunkt des Kindes erforderlichen Bedürfnisse erfolgen die einzelnen Behandlungsschritte. Im Mittepunkt steht der Grundsatz, dass Form und Funktion eine untrennbare Einheit in der Entwicklung darstellen und dass das Wachstum des Mittelgesichts durch die fehlerhaft ansetzende Muskulatur im Spaltbereich nicht korrekt erfolgen kann. Demnach greifen auch chirurgische korrigierende Eingriffe, logopädische Unterstützung beim Erlernen physiologischer Sprach-, Kau- und Schluckmuster, kieferorthopädisch korrekte Einstellung der Bezahnung und allgemeinmedizinisch pädiatrische Betreuung in einander und erlauben so eine ungestörte funktionelle Entwicklung des kraniofazialen Systems. Alle Spaltkinder bleiben daher ab Behandlungsbeginn zum Zeitpunkt der Geburt bis zum Wachstumsabschluss mit Erreichen eines für das Kind und dessen Eltern zufriedenstellenden Resultates in der regelmäßigen persönlichen Betreuung des gesamten Teams. Denn nur wenn die Zusammenarbeit zwischen den Eltern, Ihrem Kind und dem Behandlungsteam harmonisch funktioniert, sind die Voraussetzungen für ein optimales Ergebnis gewährleistet.

Bereits unmittelbar nach der Geburt beginnt die präoperative kieferorthopädische Behandlung. Es wird eine anatomische Abformung der Kiefer durchgeführt. Anhand dieser wird eine Trinkplatte angefertigt und eingegliedert. Durch die Plattenapparatur wird eine Trennung von Mund- und Nasenhöhle erreicht und somit u.a. über die Zungenstimulation die Schluck- und Saugfunktion verbessert. Abhängig vom Ausprägungsgrad der Spalte wird bei besonders großen und vor allem beidseitigen Spalten eine spezielle Trinkplatte für eine „Nasoalveolar molding-“, kurz NAM-Therapie, empfohlen. Im Falle weit auseinanderliegender Alveolar- und Lippensegmente nähert Sie diese aneinander an, formt den Nasenanteil und verlängert sichtbar den Nasensteg bei bilateralen Spalten. Sobald ein Körpergewicht von mehr als ca. 5000 Gramm erreicht ist, erfolgt im dritten bis vierten Lebensmonat der operative Verschluss der Lippenspalte in der Technik nach Millard, die weltweit ca. 70-80% aller Spaltchirurgen einsetzen. Prä- und postoperativ werden sowohl pädiatrische als auch engmaschige mund-, kiefer-, gesichtschirurgische Kontrollen durchgeführt.

Bei regelrechter Entwicklung und gegebener Narkosefähigkeit erfolgt kurz vor Vollendigung des ersten Lebensjahres (10-11. Lebensmonat) der operative Gaumenspaltverschluss, wodurch die Muskelfunktion des Gaumens als Grundlage der Lautbildung und der Schluckfunktion hergestellt wird. Eine primäre Kieferspaltosteoplastik, d.h. der knöcherne Verschluss der Spalte im Oberkieferknochen, die historisch im Rahmen des Lippenverschlusses durchgeführt wurde, hat sich klinisch nicht bewährt. Sie wird heute als entscheidender kausaler Faktor für die Entstehung von Wachstumsstörungen angesehen. Die Kieferspaltosteoplastik sollte daher sekundär in der Regel im Alter von neun bis elf Jahren kurz vor dem regelhaften Durchbrechen des Eckzahnes oder sehr selten bei drohendem Verlust des spaltseitigen Zahnhalteapparates am betroffenen Eckzahn im Alter von sechs bis sieben Jahren erfolgen. In Einzelfällen können zusätzliche sprechunterstützende Operationen, Narben-, Nasenkorrekturen oder tertiäre Kieferspaltosteoplastiken bis hin zu kieferorthopädischen Operationen notwendig sein.

Ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr erfolgen zusätzlich zu regelmäßigen pädiatrischen Kontrollen logopädische Übungen. Ziel ist es, funktionelle Abläufe wie Schlucken, Kauen, Saugen, Koordination des Sprechens oder die Funktion des Gaumensegels weiter zu verbessern.

Kieferorthopädische Behandlungen umfassen nicht nur die Beseitigung von Zahnfehlstellungen und Zahndurchbruchsstörungen, sondern mittels kieferorthopädischer Geräte die gezielte Aktivierung von Muskelgruppen, die für die Ausbildung physiologischer Wachstums- und Bewegungsmuster eine wichtige Rolle spielen. Insgesamt wird durch die Kombination aus chirurgischer Behandlung, logopädischen Übungen und kieferorthopädischer Regulierung ein muskuläres Gleichgewicht im orofazialen Komplex geschaffen und eine reguläre sensomotorische Entwicklung gefördert.